Fr. Benno Rehländer
Benediktiner

Ein Flugzeug kann nicht immer nur auf der Startbahn bleiben...

 

Ganz ehrlich, wenn mir jemand vor 10 Jahren gesagt hätte: „Du wirst mal Benediktiner", dann hätte ich ihn wohl ausgelacht und ihm einen Vogel gezeigt, und das ist noch die harmlosere Reaktion, die ich mir vorstellen kann. Es ging mir um Freiheit und Selbstbestimmung, um zeitgemäßen Glauben, um Kreativität und Flexibilität. Und ich hätte nie gedacht, dass ich das in einem Orden finden werde, der seit 1.500 Jahren nach denselben Regeln lebt, dessen Mitglieder Gehorsam, Beständigkeit und klösterlichen Lebenswandel versprechen (Ehe- und Besitzlosigkeit mit eingeschlossen).

 

In Berlin geboren, habe ich nach dem Abitur Theologie als Priesteramts-kandidat studiert, anschließend Zivildienst nachgeholt und ab 2006 als Jugendreferent im Bistum Dresden-Meißen gearbeitet. Dort hatten wir immer wieder Kurse, Veranstaltungen, Gottesdienste, in denen es darum ging, Gottes Wege zu suchen und zu finden, sich mit und zu ihm auf den Weg zu machen, seine Stimme hören. Das haben wir gemeinsam versucht, und immer wieder ist dies auch bei mir angekommen.

 

Besonders ist mir da die Reise zum Weltjugendtag nach Australien im Gedächtnis. Es heißt, man hört immer nur das, was man hören will (ob man sich dessen bewusst ist oder nicht). Ich jedenfalls habe ständig gehört, in Katechesen und Liedern, in den Predigten von Papst Benedikt und in Gesprächen unterwegs: „Mach dich auf den Weg! Versuche, deine Berufung zu finden, und ihr zu entsprechen! Schiebe den wichtigen ersten Schritt nicht immer weiter vor dir her!" In einer Katechese in Sydney sagte ein Bischof, ich glaube, es war Kardinal Wetter aus München: "Ein Flugzeug darf nicht immer nur auf der Startbahn bleiben. Es muss auch irgendwann mal losfliegen, einfach abheben, ohne zu sehr nach unten zu schielen und sich am sicheren Boden festzuhalten." Ich hatte das Gefühl, dass dieses Bild genau für mich bestimmt war. Doch woher weiß das Flugzeug, dass es fliegen kann (und soll)? Woran erkennt es, dass die weiten Tragflächen nicht dazu gedacht sind, zum Beispiel im Wasser zu schwimmen, und die Rollen nicht lange Strecken auf den Straßen zurücklegen sollen? Kardinal Wetter gab mir damals keine befriedigende Antwort: Erst, wenn es losgeflogen ist, weiß es, dass es fliegen kann. Aber ich glaube mittlerweile, er hat recht.

 

Wenige Zeit später habe ich dann Exerzitien, Tage der Stille in einem evangelischen Kloster in Thüringen gemacht und dort von meiner Exerzitienbegleiterin ein Buch in die Hand gedrückt bekommen, eine spirituelle Biographie über Benedikt von Nursia. In diesem Buch las ich von ausgewogenem Leben, von neu gewonnener Freiheit, von einer gelingenden Mischung aus Gemeinschaft und Alleinsein. Und im Prolog der Benediktsregel begegnete ich dann der grundlegenden Frage für werdende Mönche: "Wer ist der Mensch, der das Leben liebt und gute Tage zu sehen wünscht?" (Prolog, 15) In diesem Augenblick war mir klar, welchen Weg ich einschlagen möchte.

 

Seit 2010 bin ich nun in der Benediktinerabtei Ettal mit dem Priorat Wechselburg. Es ist für mich immer noch ungewohnt, im Habit (dem langen schwarzen Gewand des Benediktiners) auf die Straße zu gehen oder mich mit „Frater Benno" vorzustellen. Und doch glaube ich, ich gewinne tatsächlich neue Freiheit. Im Verzicht auf eigenen Besitz und auf die krampfhafte Durchsetzung eigener Lebenspläne begegne ich der Freiheit für Gott und seinen Willen, im alltäglichen klösterlichen Tagesablauf wird mir deutlich, wer letztlich Herr meiner Zeit ist. Und ich erlebe, immer wieder erstaunt, wieviel Flexibilität und Kreativität gerade die Stabilitas (lat: Beständigkeit), d.h. die Bindung an eine ganz konkrete Gemeinschaft, ermöglicht - und erfordert.

 

Ob das der Weg für mein ganzes Leben ist, wird sich erst noch zeigen. Mir ist jedenfalls klar: Wenn ich es nicht versuche, werde ich es nie erfahren. Wenn ich die Startbahn nicht verlasse, komme ich nicht weiter.

 

Ut in omnibus glorificetur Deus. Dass in allem Gott verherrlicht werde.

Kontakt

Im Kloster Ettal lebt Fr. Benno in einer Benediktinergemeinschaft. Er wollte nicht immer Mönch werden und studierte erst einmal Theologie. Er freut sich, mit allen in Kontakt zu kommen, die sich für das gemeinschaftliche Klosterleben interessieren.
(p.benno@ettal-campus.de)